Donnerstag, 14. November 2013

Über die Homophobie


"Das schlimmste an Homophobie ist, dass Menschen dafür gehasst werden, dass sie andere Menschen lieben."

 

Die letzten Wochen war ich gedanklich vollgepropft mit der Schlachthofgeschichte in Ahlhorn. Dennoch las ich immer wieder am Rande über die momentane Situation von Homosexuellen in Russland. Ich hab mich dadurch mittlerweile etwas in das Thema "Homophobie" eingelesen mit erschreckenden Erkenntnissen.
Erstmal zu Russland: Im Juni 2013 wurde ein Gesetz verabschiedet zum Verbot von Homosexuellenpropaganda. Russland ist ohnehin bekannt für seine homophoben Strukturen, jedoch schafft dieses Gesetz eine unerträgliche Situation; das öffentliche Ausleben der Homosexualität (dazu gehört auch schon Händchenhalten) ist gefährlich geworden, öffentliche Pro-Homo-Aussagen rufen Schlägertrupps auf den Plan. Dadurch geraten Homosexuelle massiv in´s Visier von homophoben Radikalisten. Mittlerweile wimmelt es im Internet an Videos von Misshandlungen Homosexueller - den Tätern ist Straffreiheit gewiss, da der Tatgrund "Homophobie" als gerechtfertigt angesehen wird.
Artikel zu dem Thema
Erschreckend finde ich hier, dass dieses Gesetz neu ist; Russland manifestiert den Menschenhass in der Gesellschaft und schafft immer mehr totalitäre Strukturen. Vor ca. 70 Jahren gab es diese Entwicklung schon mal, insbesondere in Deutschland - da kommen mir böse Vorahnungen.
gegen die olympischen Winterspiele in Russland

Homophobie ist ein sehr altes Phänomen und weltweit stark verbreitet. In vielen (vorwiegend) islamischen Länder steht auf Homosexualität immer noch die Todesstrafe, zahlreiche Länder haben Straffreiheit für Misshandlungen von schwulen und lesbischen Menschen, so wird z.B. in einigen Afrikanischen Ländern gerne auf die Methode der "korrigierenden Vergewaltigung" zurück gegriffen. Zum Glück lebe ich in Deutschland, oder?
In Deutschland oder allgemein in den westlichen Industriestaaten sollten man meinen, dass die Situation für homosexuell lebende Menschen deutlich besser ist. Viele Staaten haben das "Ehe-Recht" (oder das Recht zur Eintragung einer Lebenspartnerschaft), offiziell ist die Diskriminierung Homosexueller untersagt. Aber bedeutet dies zeitgleich, dass es keine Diskriminierung und damit keine Ablehnung Homosexueller gibt?

Okay, ich will mich nicht beschweren, es hat sich ne Menge in den letzten Jahren bzgl. der Gleichstellung getan. Seit 1990 ist Homosexualität offiziell keine Erkrankung mehr, seit 2001 dürfen wir in Deutschland so etwas wie eine Ehe schließen und neuerdings gilt auch das Ehegattensplitting für uns. Dennoch finden sich immer wieder Beispiele von Diskriminierung und damit Ausdruck von Homophobie in unserer Gesellschaft, sei es in der Schule, Beruf, Familie oder im Umgang mit den Mitmenschen. Das haben auch bereits die Medien erkannt
Artikel aus der TAZ
Artikel von N24
Ich habe mich gefragt, in wie weit das Thema mit mir zu tun hat. Ich fühle mich nicht diskriminiert, für mich steht Gaypride in vorderster Front. Ich bin stolz darauf unter dem Regenbogen zu tanzen. Aber die Beschäftigung mit dem Thema hat mich nachdenklich gemacht und ich habe überlegt, ob ich auch "Opfer" von Homophobie bin und das nicht mal merke. Nach vielen Überlegungen stellte ich fest, dass mir ständig Homophobie begegnet, ich diese nur nicht als solche wahrnehme.
1. Schimpfwörter - "schwule Sau", "Schwuchtel", "Kampflesbe" sind absolut etabliert in unserem Sprachgebrauch und besonders beliebt unter Jugendlichen. Ist es eine Beleidigung homosexuell zu sein?
2. Outing - mir fiel mein Outing schon schwer. Allerdings habe ich erst spät (mit 21 Jahren) realisiert, dass ich lesbisch bin. Ich kenne viele Menschen, die ihr Coming-Out noch später durchlebten. Die meisten Menschen flüchten sich zunächst in heterosexuelle Beziehungen (hab ich auch getan), aus Angst nicht "normal" zu sein, Ablehnung zu erfahren etc. Diese Angst ist nicht unbegründet und ein Anzeichen dafür, wie stark Homophobie in unseren Gesellschaftsstrukturen vorhanden ist. Ich habe nach wie vor Schwierigkeiten, mich offen als homosexuell zu outen, besonders, wenn ich neue Menschen kennen lerne. Klar, in erster Linie ist das auch nicht sonderlich nennenswert, allerdings ärgere ich mich immer wieder über mich selbst, wenn mich Menschen auf meinen Mann/Freund ansprechen und ich nicht einfach sagen kann, dass ich keinen Mann, sondern eine Frau habe.
3. Belästigung - haben lesbische Frauen eine besondere Anziehungskraft auf Männer? Definitiv! Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen wie viele Männer versucht haben, mich umzupolen. Meist nehm ich das mit Humor, aber irgendwie macht mich das auch etwas wütend. Lesbisch bedeutet, dass ich Frauen liebe und nicht, dass ich darauf warte, dass mir ein "richtiger Kerl" begegnet!!!
4. Diskriminierung im Beruf - ich hab es nur ein mal versucht, mich bei der Caritas (katholischer Arbeitgeber) zu bewerben. Leider kannten mich einige Mitarbeiter aus der Einrichtung bereits und wussten um meine Orientierung. Homosexualität war kein offizieller Ausschließungsgrund, allerdings bekam ich meine Bewerbung trotz sonstiger freier Stellen zurück. Da ich einen super Examen und sehr gute Arbeitszeugnisse habe, konnte die Ablehnung definitiv nicht mit meiner mangelnden Qualifikation zusammen hängen.
5. Ablehnung im Umfeld - Es ist nicht sonderlich toleriert, sich abfällig über Homosexuelle zu äußern. Was jedoch toleriert ist, ist das "Darüber lustig machen". In meiner Ausbildung gab es mehrere Frauen, die in Humor verpackte Ablehnungen mir entgegen schleuderten "Mit der arbeite ich nicht zusammen, die gräbt mich nur an", "Du hast doch nur perverse Träume von mir" etc. Es gibt aber auch diese kleinen, feinen, dämlichen Bemerkungen/Fragen am Rande, die immer wieder aufzeigen, dass wir Homosexuellen als Sonderlinge gelten und wenig toleriert werden "Du bist lesbisch? Cool", "Wer ist denn bei euch die Frau und wer der Mann?", "Ich hab nix gegen Homosexuelle", "Wie funktioniert das denn bei euch im Bett?"
6. Ablehnung in der Politik - ganz ehrlich, ich habe nichts verbrochen, bin gesund, habe ein gutes Einkommen, bin liebevoll und intelligent (genug Eigenlob). Wieso wird es mir so schwer gemacht, Kinder zu bekommen? Wieso habe ich die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte, wie Heterosexuelle. Wieso muss ich für meine Gleichberechtigung immer noch kämpfen? Weil ich Frauen liebe? Die meisten Männer lieben auch Frauen und werden nicht benachteiligt. Wo ist der Unterschied?

Das sind nur ein paar Beispiele aus meinem Leben. Alles nicht dramatisch, aber ich habe so etwas auch nie als sonderlich belastend empfunden. Ich bin erwachsen und weiß mich bei Anfeindungen entsprechend zu wehren. Was ist jedoch mit Jugendlichen, die sich in der Schule outen? Was ist mit Menschen, die sich in eine Ehe begeben und Kinder bekommen, weil sie lieber den "Schein wahren wollen? Was ist mit den Menschen, in deren Familien Homosexualität abgelehnt wird (da hatte ich ziemliches Glück mit meiner Familie)?


Am 17. Mai eines jeden Jahres ist der internationale Tag gegen Homophobie.  Brauchen wir so einen Tag? Definitiv!!! Die gesellschaftlichen Entwicklungen werden nicht besser für uns, sondern in vielerlei Hinsicht schlechter. Die Angst vor "Andersartigkeit" wächst in den Menschen. Und so lange, wie in den Köpfen der Menschen immer noch die Wahrnehmung vorherrscht, dass wir Homosexuellen "seltsam" sind, geschweige denn "krank" oder "weniger wert", dass wir weniger Rechte haben sollten oder unsere Liebe nicht öffentlich machen sollten, so lange wie unsere Kinder ausgegrenzt und wir belächelt werden, so lange manche Menschen immer noch glauben, dass sie mehr wert wären irgend ein anderer Mensch, so lange muss der Kampf gegen Homophobie  weitergehen.Nicht nur an einem Tag, sondern jeden Tag. Wir wollen keine Sonderbehandlung, sondern Gleichberechtigung. Nicht wir sind seltsam, sondern die Menschen, die "Liebe" als "Krankheit" ansehen.


Mir fällt gerade auf, dass diese ganzen Themen, mit denen ich mich befasse (Homosexualität, Veganismus, Nachhaltigkeit etc.) zusammen hängen. Es geht immer um Unterdrückung und Missachtung von Lebewesen. Ist es das, worauf sich unsere Menschlichkeit aufbaut?
So, genug Plädoyer :)
Ach übrigens schließe ich natürlich die Bisexuellen und Transgender in meine Überlegungen mit ein, hab die aber jetzt aufgrund des Schreibaufwandes nicht bei jedem Satz extra mit aufgeführt ;)
Aber zum Abschluss muss ich mit euch noch zwei Videos teilen, die ich in letzter Zeit passend zum Thema entdeckt habe (bzw. nen Tipp bekommen habe)
1. Zach Wahls bei Ellen De Generes: Der Sohn eines lesbischen Pärchens setzt sich für die Homo-Ehe ein . Absolut bewegend
2. Lied "Same Love" von Macklemore

Übersetzung:
Als ich in der 3. Klasse war
dachte ich, dass ich schwul wäre
Weil ich malen konnte, mein Onkel war es
Und ich hielt mein Zimmer aufgeräumt
Ich erzählte es meiner Mutter, mit tränenüberströmten Gesicht
Sie meinte, Ben du hast Mädchen schon vor dem Kindergarten geliebt
sie bestätigte mich yeah
und ich glaube sie hatte irgendwie Recht, nicht wahr
Ein Bündel Klischeevorstellungen in meinem Kopf
Ich erinnere mich daran Matheaufgaben gemacht zu haben
yeah, um zu beweisen, dass ich etwas gut konnte
Eine vorgefasste Idee davon, was es alles bedeutete
Für alle die das gleiche Geschlecht mögen die passenden Eigenschaften
Die rechtsradikalen Konservativen glauben, dass es eine Entscheidung ist
und du durch eine religiöse Behandlung geheilt werden kannst
Menschengemacht, Neuverdrahtung einer Neigung
und sie spielen Gott
Ahh nah, jetzt geht's los
Das tapfere Amerika
fürchtet immer noch, was wir nicht kennen
Und dass Gott all seine Kinder liebt, wurde irgendwie vergessen
aber wir zitieren ein Buch,
dass vor 3500 Jahren geschrieben wurde
das ich nicht kenne
Und ich kann mich nicht ändern
Selbst wenn ich es probieren würde
Selbst wenn ich es wollte
Und ich kann micht nicht ändern
Selbst wenn ich es probieren würde
Selbst wenn ich es wollte
Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Wenn ich schwul wäre
Würde ich denken hip-hop hasst mich
Hast du kürzlich die YouTube Kommentare gelesen
"Mann ist das schwul"
Wird zum Alltag
Wir sind so gefühllos geworden über das, was wir sagen
Unsere Kultur aus Unterdrückung gegründet
Dennoch akkzeptieren wir sie nicht
Nennen uns gegenseitig Schwuchtel
hinter dem Schlüssel einer Pinnwand
Ein Wort, dessen Wurzeln im Hass liegen
Dennoch ignoriert es unser Genre
Schwul ist gleichgesetzt mit minderwertig
Es ist derselbe Hass, der Kriege der Religionen veranlasst hat
Geschlecht und Hautfarbe
Das Aussehen unserer Pigmente
Derselbe Kampf, der Menschen zu Streiks und Besetzungen führt
Menschenrechte für Jeden
Es gibt keinen Unterschied
Leb weiter! Und sei du selbst!
Als ich in der Kirche war
erzählten sie mir etwas anderes
Wenn du Hass im Gottesdienst predigst
sind diese Worte nicht gesalbt
Und das Heilige Wasser
in das du eindringst
ist dann vergiftet
Wenn jeder Andere
es bequemer findet
stumm zu bleiben,
als für Menschen zu kämpfen
deren Rechte gestohlen wurden
Ich mag zwar nicht so sein
aber das ist unwichtig
Keine Freiheit bis wir gleich sind
Verdammt richtig, ich unterstütze es
Ich kenne es nicht
Und ich kann mich nicht ändern
Selbst wenn ich es probieren würde
Selbst wenn ich es wollte
Und ich kann micht nicht ändern
Selbst wenn ich es probieren würde
Selbst wenn ich es wollte
Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Wir drücken Start
drück nicht Pause
Fortschritt, geh weiter
mit einem Schleier über unseren Augen
Wir drehen der Ursache den Rücken zu
bis zu dem Tag,
an dem meine Onkel gesetzlich berbunden werden können
Kinder laufen den Gang auf und ab
geplagt von dem Schmerz in ihrem Herzen
eine Welt voller Hass
manche würden lieber sterben
als zu sein wer sie sind
Und ein Bestätigung auf dem Papier
wird es auch überhaupt nicht lösen
aber es ist ein verdammt guter Ort, um zu beginnen
kein Gesetz wird uns verändern
wir müssen uns ändern
An welchen Gott auch immer du glaubst
wir stammen alle vom Selben
Streif die Furcht ab
darunter ist alles dieselbe Liebe
seit der Zeit, in der wir aufgewachsen sind
Und ich kann mich nicht ändern
Selbst wenn ich es probieren würde
Selbst wenn ich es wollte
Und ich kann micht nicht ändern
Selbst wenn ich es probieren würde
Selbst wenn ich es wollte
Meine Liebe, meine Liebe, meine Liebe
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Sie hält mich warm
Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich
Liebe ist geduldig (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist freundlich (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist geduldig (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist freundlich (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist geduldig (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist freundlich (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist geduldig (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist freundlich (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist geduldig (weine nicht an Sonntagen)
Liebe ist freundlich (weine nicht an Sonntagen)

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