Samstag, 6. Juli 2013

Landwirte sind Teufel???

Ich bin ein nachtaktiver Mensch, d.h. ich arbeite (kommt auf die Schicht an), kümmere mich um den Haushalt und je nachdem, wie ich zuhause bin, sitze ich spätestens ab 22 Uhr vor dem Computer und lese. Ich lese größtenteils über vegane Themen, über Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Tierrechte, ich verfolge Artikel und Kommentare und schaue mir Videos an. Zu einem wichtigen Medium für mich sind die sozialen Netzwerke, wie Google+ und Facebook, geworden - natürlich auch, um Kontakt mit Freunden zu haben, jedoch verwende ich diese beiden Seiten in erster Linie, um mich mit Organisationen (Peta, Albert Schweizer Stiftung etc.) Blogs oder einfach Personen, die eine für mich bedeutende Stimme haben, zu verlinken.
Dazu kurz ein Hinweis auf zwei Beiträge, die mich beeindruckt haben - nicht, dass sie neue Informationen hätten, aber dennoch haben sie mich bewegt
Hier ein Artikel von einem (wie ich vermute) Fleischesser, der sich Gedanken über Veganismus macht.
Hier ein kritischer Spot zu der Coca Cola Firma

Ich komme aber jetzt zu einem Thema, was mich manchmal dafür schämen lasst, dass ich mich als "Veganer" öffentlich oute. Es geht um die Landwirtschaft, natürlich den landwirtschaftlichen Teil, der sich mit der Produktion tierischer Erzeugnisse befasst (Fleisch, Milch, Eier). Wie ihr ja bereits wisst, lebt ein Großteil meiner Familie von der Landwirtschaft, sowohl direkt (Bauern) als auch indirekt (Angestellte bei der Landwirtschaftskammer etc.). Ich lebe in einer Region, die landwirtschaftlich geprägt ist, insbesondere, was die Puten- und Hähnchenmast angeht. Meine Vermieter, Freunde, Nachbarn haben nahezu alle mit der Landwirtschaft zu tun. Ich bin auf einem Milchwirtschaftsbetrieb groß geworden, kenne Hausschlachtungen (habe da auch mitgemacht als Kind) und weiß über politische Richtlinien und Vorgaben Bescheid.
Ich bin Veganerin, weil ich ein empathisches Wesen bin und sich mir kein Grund erschließt, warum mein Einfühlungsvermögen bei anderen Lebewesen aufhören sollte. Sehe ich mir verängstigte Schweine in Schlachtanlagen an, bekomme ich Angst, blökt ein Kälbchen nach seiner Mutter, werde ich traurig und sehe ich Hühner, die vornüberkippen, weil sie ihr Gewicht nicht mehr tragen können, werde ich wütend.
Es gibt so viele Beweggründe, um sich für eine vegane Lebensweise zu entscheiden - für mich war ausschlaggebend, dass ich nachweislich fühlenden, intelligenten Wesen (kommt mir jetzt nicht mit "Pflanzen haben auch Gefühle") kein Leid zufügen will.
Trotz meiner Entscheidung bin ich mir des Umstandes bewusst, dass 99% der Deutschen/Weltbürger nicht so denken oder empfinden wie ich. "Mir schmeckt Fleisch" oder "Ich mag Lederschuhe" sind für die meisten Menschen bedeutender als das Mitgefühl für ihre Mitgeschöpfe. Das ist nicht schön, aber Tatsache. Und damit ist auch die Tatsache verbunden, dass Fleisch, Milch, Eier, Leder, Wolle, Daunen etc. produziert werden müssen. Produzenten sind die Landwirte.
Ich verfolge mittlerweile sehr angespannt die Disskusionen, die Veganer über Landwirte führen und frage mich immer wieder, wie realitätsfremd manche Personen sein müssen. Seit kurzem verfolge ich die Facebookseite "Massentierhaltung aufgedeckt. So sieht es in deutschen Ställen aus", eine Pro-Nutztierhaltungsseite von deutschen Schweinemästern. Gezeigt werden Bilder aus deutschen Mastställen unterschiedlichster Größenordnung, die nach politischen Vorgaben agieren. Diese Seite wird von Beginn an von Veganern bombadiert mit Argumenten jeglicher Art. Versteht mich nicht falsch, mir tuen diese Bilder in der Seele weh, gerade weil ich weiß dass DAS Realität ist. Diese schönen Videos von PETA oder anderer Organisationen entsprechen auch der Realität, zeigen jedoch eher Einzelfälle aus der Tierhaltung. Die Masse handelt nach deutschen Massstäben (ich betone das "deutsch", weil Deutschland sehr strenge Tierhaltungsrichtlinien hat im Gegensatz zu anderen Staaten). Das ist für Veganer immer noch nicht genug (für mich auch nicht), weil Veganer ein anderes Emfinden für Lebewesen haben, als Allesesser.
Tut mir leid, liebe Mitveganer, aber mir läuft es eiskalt den Rücken runter, wenn Landwirte als "Tierquäler" bezeichnet werden. Kein Landwirt (den ich kenne) quält seine Tiere. Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen für ihre Tiere, achten darauf, dass sie zufrieden sind, vermeiden Krankheiten, um möglichst wenig Antibiotika einzusetzen etc. Dabei gibt es auch "schwarze Schafe", aber wo gibt es die nicht??? Natürlich werden diese Tiere aus der sog. nutztierhaltung irgendwann getötet, natürlich müssen Kälber von ihren Müttern getrennt werden um die Milch zu erhalten und natürlich muss Geflügel in unvorstellbaren Massen gehalten werden, da sich die Haltung sonst nicht rechnet. Wenn alle vegan leben würden, hätte diese Qual ein Ende, aber es sind nicht alle vegan. Die ermittelten Zahlen der in Deutschland lebenden Veganer schwanken zwischen 80.000 und 700.000 - das ist so oder so ein relativ geringer Anteil der deutschen Bevölkerung. D.h. es müssen tierische Produkte erzeugt werden, um die Nachfrage zu decken.
Wer den oben erwähnten Artikel gelesen hat, versteht jetzt meine Worte ohne großartige weitere Erklärung - ICH BIN ÜBER DIESEN UMSTAND, DASS MENSCHEN EINFACH NICHT VERSTEHEN WOLLEN, WAS SIE SICH, IHREN KINDERN, IHRER UMWELT UND IHREN MITGESCHÖPFEN MIT NER "LECKEREN BRATWURST" ODER DEN SCHÖNEN NEUEN LEDERSCHUHEN ANTUEN, UNHEIMLICH WÜTEND!!!
Ich bin aber nicht wütend auf die Landwirte, sie machen ihre Arbeit und das ist bei weitem keine leichte Arbeit. Sie produzieren Lebensmittel für andere Menschen und gehen damit einer ehrvollen Aufgabe nach. Ich bin wütend auf die Schlachtbetriebe, auf Supermärkte, die durch Preissenkungen die Landwirte immer mehr in die Massenproduktion treiben. Ich bin wütend auf die Politik, die zwar viele positive Massnahmen im Bereich der Tierhaltung ergreift, aber absolut noch nicht genug. Am allermeisten bin ich wütend auf die Menschen, die jeden Tag die Fleischsonderangebote bei Aldi kaufen, die stolz ihren neuen Angorapulli vorführen, die Vegetarier/Veganer belächeln, weil sie sich selber nicht mit ihrem Konsum auseinandersetzen wollen. Ich bin auch wütend über die Menschen, die rumjammern, dass sie dieses Jahr nicht zweimal in den Urlaub fahren können oder auf Veganer/Vegetarier die wild um sich argumentieren und damit die falschen Menschen angreifen. Ich bin wütend auf die Menschen, die absolut unbewusst durchs Leben gehen und sich taub stellen gegenüber Argumenten und Wahrheiten... 
Ich ziehe meinen Hut vor den Landwirten, die trotz schlechter Preisentwicklung, mieser Presse und teilweise Anfeindungen durch die Gesellschaft immer noch früh morgens aufstehen und bis tief in die Nacht arbeiten, sich mit dem ganzen bürokratischen Kram auseinandersetzen und nach besten Wissen und Gewissen ihre Tiere versorgen.

Ich bin mir bewusst, dass ich momentan oft "Wuttexte" hinterlasse. Bald habe ich Urlaub und dann werde ich bestimmt wieder manche Dinge entspannter betrachten.
Weitere Links zu dem Thema Landwirtschaft, die ich interessant fand
Wieviel müsste ein Mensch essen, wenn er ein Masthuhn wäre
Leitbild Nutztierhaltung
Landwirtschaft im Oldenburger Münsterland
Der Film Earthlings
Der Film Food Inc.







Kommentare:

  1. Sehr interessant, das alles mal aus einer neuen Perspektive zu lesen. Danke für die Einblicke :)

    Federchen

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  2. Liebe Müsli,

    vor dem von Dir beschriebenen Hintergrund kann ich Deine Haltung bzgl. der Landwirte verstehen - und sicherlich muss man auch Verständnis für die meisten Landwirte (bzw. deren wirtschaftliche Situation) aufbringen. Aber: auch wenn sie "nach bestem Wissen und Gewissen" (was bedeutet das? Sind sie schlechter als die Allgemeinbevölkerung darüber informiert, was für Konsequenzen die Produktion tierlicher "Lebens"mittel mit sich bringt?) handeln sollten, sind sie doch ein Teil der Tierleidindustrie und von daher ist ihr Tun aus Sicht der Tiere und deren Verteidiger weder zu tolerieren noch zu respektieren ...

    Kennst Du die Seite https://www.facebook.com/es.ist.ausbeutung?fref=ts

    L. G., PD

    P.S.: Du hast einen schönen Schreibstil :-)

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    1. Seite angesehen und geliked :)
      Mit "nach besten Wissen und Gewissen" meine ich, dass Landwirte mit einer ganz anderen Grundhaltung bzgl den Umgang mit Tieren gehen (ebenso wie die meisten Menschen). Ich kann diese Art der "Lebensmittelproduktion" nicht tolerieren und boykottiere das dementsprechen. Die Allgemeinbevölkerung ist schlecht informiert oder hat einfach eine andere Lebenseinstellung. Ja, für die meisten Menschen ist Massentierhaltung schlecht, Bioproduktion wiederum nicht (dabei unterscheidet sich das nicht wirklich). Es ist den Menschen egal, ob die Tiere seelisch leiden oder ob die einen vorzeitigen Tod sterben. Sie wollen nur nicht für offensichtliche Qualen verantwortlich sein. Was offensichtliche Qualen sind, ist aber auch wieder individuell bemessen. Ich empfinde es als offensichtliche Qual,wenn ein Kälbchen von seiner Mutter getrennt wird, Otto-Normal-Verbraucher emfindet es erst als Qual, wenn du Kuh eitrig gemolken wird. Dieses Empfinden werde ich nicht ändern können, erst recht nicht, wenn ich andere Personen permanent angreife - ich wähle da lieber Ghandis Weg (ui, diesen Ausdruck wollte ich schon immer mal verwenden :)

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