Sonntag, 14. Juli 2013

Demonstration in der Heimat und vorläufiger Abschied vom Dorfleben

Ich war gestern bei strahlendem Sonnenschein in meiner alten Heimat im Landkreis Nienburg demonstrieren. Dies war in zweierlei Hinsicht bedeutend/aufregend für mich:
1. Ich bin kein Demonstrant, ich kann meine Meinung kundtun und ohne Ende disskutieren. Ich bin bereits auf einigen Demos mitgelaufen (in erster Linie CSD), hab mich da aber dann doch immer eher im Hintergrund gehalten und bin einfach fleißig mitgegangen. Das ist okay, solche Demonstrationen leben vom Fußvolk :)
Der Plan stand bereits, dort hinzufahren. Bis kurz vor Schluß schwankte meine Entscheidung jedoch immer wieder, weil ich momentan viele...wie drück ich das aus...Ereignisse auf einmal verarbeiten muss (später mehr dazu). Ich habe viel Angst, Wut, Trauer etc in mir  - und genau die wurden einen Tag zuvor von einem Foto der Wiesenhofbelagerer angesprochen
Eindeutiger Entschluss: ICH WILL DABEI SEIN!!!
2. Über meine Gewissenskonflikte bzgl. meiner Familie hab ich mich hier schon mehrmals ausgelassen. Ich weiß, dass meine Großeltern, Tanten, Onkels etc. Demonstranten als extrem, aggressiv und gefährlich einstufen (wie die meisten Menschen auf dem Lande). Meine Mutter erzählte mir einen Tag zuvor, dass sie mit meiner Großmutter telefoniert hatte (wohnhaft in der Ortschaft Holte, wo auch Wiesenhof seine belagerte Schlachtanlage stehen hat) und ihre größte Sorge war, dass die Demonstranten zu ihnen kommen und dort wohlmöglich in ihrer Wut die Hühner töten - klar, Veganer, die nix besseres zu tun haben, als Hühner zu killen - unwissend geht die Welt zugrunde. Die Demo gestern began auf dem Kirchplatz in Nienburg, neben dem Wochenmarkt, wo auch mein Onkel mit seinem Eierwagen wöchentlich steht....um der liebe Frieden Willen, hoffe ich, dass er mich nicht gesehen hat...

Ich versuche mal chronologisch den Ablauf des gestrigen Tages wiederzugeben
12:30 - ich hetzte durch die Nienburger Innenstadt, vorbei an dem Eierwagen meines Onkels, dabei bewusst in eine andere Richtung schauend.
12:35 - Ankunft am Kirchplatz. Mir wird ziemlich schnell klar "Oh weh, hier kennen sich viele untereinander, ich kenne keinen, und dabei bin ich doch eher schüchtern...stell dich nicht so an, du kannst hier ja Leute kennen lernen. Aufgeregt wechsel ich ein paar Einzelsätze mit verschiedenen Personen und beobachte das wachsende Polizeiaufgebot. Nach einiger Zeit werden die "Demoregeln" auf Wunsch der Polizei verlesen und der Marsch beginnt mit ca. 50 Personen, vielen Transparenten und noch mehr Polizeibewachung.

13:00 - 15:00 - der Demonstrationszug bewegt sich nicht auf der vorerst geplanten Strecke durch die Innenstadt. Die Stadt hatte aufgrund des Wochenmarktes beschlossen, die Demo an der Innenstadt vorbei zu schleusen, durch kleine Seitengassen, wo natürlich kaum Leute aufmerksam wurden. Die gerufenen Parolen bekomm ich leider nicht mehr zusammen (ich hab ein fürchterliches Gedächtnis), aber die Botschaft wurde deutlich - gegen Massenschlachtung, gegen Arbeiterausbeutung, gegen Wiesenhof (natürlich auch andere Schlachtunternehmen) für Tier und Umwelt. Mensch, Tiere und Umwelt werden in unserem kapitalistischen System zur Ware degradiert, was verheerende Auswirkungen zeigt. Daher muss sich das System ändern!!!
Und wieder standen vor uns, hinter uns , rechts und links von uns Polizisten. Nach einigen Zwischenstopps endete der offizielle Zug am Bahnhof. Die Versammlung wurde aufgelöst...bis was anderen passierte. Jemand rief in Megafon "Die offizielle Versammlung ist aufgelöst, aber wir werden unseren Unmut über die Polizeibewachung dieser Aktion kundtun und gehen die Strecke genau so wieder zurück".
Uiuiuiui, da passierten mehrere Gedankensprünge bei mir. Auf der einen Seite widersprach das den polizeilichen Regeln, da diese Aktion unangekündigt war. Leute, das klingt vielleicht spießig, aber ich komm vom Lande, ich bin Umgang mit Polizei nicht gewohnt, schon garnicht, denen zu widersprechen. Aber der Aufruf war berechtigt, 50 Demonstranten gegen ca 60 Polizisten mit 6 Bussen; wir hatten kaum die Möglichkeit, gehört zu werden, da unser Zug an der Bevölkerung vorbei durch kleine ruhige Gassen geführt wurde - das machte mich auch wütend, von daher wanderte ich mit dem Zug mit. Und dann eskalierte das ganze etwas - die Polizei kam hinterher mit Allemann/frau und der Demonstrationszug rannte los und ich rannte mit - auf der Flucht, um die Innenstadt zu erreichen und die Menschen doch noch auf das Unrecht, wo für dieser Zug stand, aufmerksam zu machen. Leider sind Polizisten verdammt schnell, auf jeden Fall schneller, als wir mit unseren Transparenten. Der Zug wurde gestoppt, wir mussten einige Zeit warten und durften dann "gnädigerweise" unter Geleit der Polizei weitergehen. Zurück durch die kleinen Gassen, wo sich kaum Menschen befanden. Dieser Zug, gegen die Polizeibewachung, endete dann kurze Zeit später (machte ja auch so keinen Sinn) und wurde wieder aufgelöst. Doch die einzelnen Demonstranten gingen einfach Richtung Innenstadt los mit den Transparenten und riefen ihre Parolen - natürlich bin ich mitgegangen, das war das, was wir erreichen wollten. Wir wollten gehört werden!!! Wäre ich nicht selber Teil dieses Zuges gewesen, hätte ich so gerne eine Foto davon geschossen: 40 (es wurden weniger) Demonstranten, die ungeordnet, aber friedlich durch die Nienburger Innenstadt laufen, verfolgt von 30 Polizisten (leider durften die Busse nicht so ohne Weiteres in die Fußgängerzone). "Wir sind echt böse!!!"
Vor der Kirche war dann Schluß, die Polizei kesselte den Zug ein und suchte einen Verantwortlichen für diese Veranstaltung - es gab keinen :) Eine Hochzeitsgesellschaft beobachtete verstört das ganze Aufgebot - die werden ihren Traumtag wohl nie vergessen :)
Letztlich konnten wir gehen, ohne das etwas passierte. Das hab ich von der Polizei nicht verstanden - erst einen verfolgen, einkesseln, rumbrüllen und dann aber nix tun...aber ich beschwer mich nicht, hatte eher ziemlich Angst die ganze Zeit und war froh, nicht verhaftet worden zu sein.

Zu diesem Ereignis des Tages muss ich mal ein kurzes Statement beziehen:
Ich wurde von der Polizei verfolgt, eingekesselt, ich habe mich gegen die Staatsgewalt erhoben - irres Gefühl und doch ist das nicht meine Welt. Ich bin ein friedlicher Mensch, ich versuche mit Argumenten zu überzeugen. Natürlich werden die Leute auf solche Aktionen aufmerksam, gerade auf dem Land. Aber es ist Tatsachen, dass genau solche Ausschreitungen dazu führen, dass Menschen Angst bekommen bzw. die Botschaften von Aktivisten nicht ernst nehmen. "Das sind Randalierer" - und kein Mensch hört auf Randalierer. Ich stehe hinter dieser Aktion gestern, ich konnte meinen Unmut kundtun und habe mich zusammen mit anderen gewehrt gegen ein System, welches ich  verurteile.  Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben, aber andere Menschen konnte ich mit sowas nicht erreichen. Vielleicht funktioniert so etwas in der Stadt, nicht auf dem Land. Hier müssen Menschen friedlich überzeugt werden, Radikalismus wird abgelehnt - Tierrechte sind den meisten Menschen hier egal, nicht aber Themen, wie Dumpinglöhne, Umweltschutz oder Gesundheit. Warum konnte denn unser Bürgerprotest in Ahlhorn so erfolgreich sein (Endabstimmung hat übrigens noch nicht stattgefunden)? Weil wir die Menschen hier mit den Themen konfrontiert haben, wo sie sich angesprochen fühlen - natürlich geht es mir in erster Linie um Tierrechte, aber damit kann ich keinen Menschen für diese Aktion gewinnen, also disskutiere ich über Umwelt, Natur, Gesundheit und Wirtschaft. Die Begründung ist letztlich egal, hauptsache das Ergebnis stimmt. Letztlich ist es für die Tiere unwichtig, ob Menschen vegan leben, weil sie Ausbeutung von Tieren ablehnen oder weil sie so schön mit der 30Tage-Challenge abgenommen haben - das Ergebnis ist bei beiden das Gleiche.

So, weiter gehts.
16 Uhr - Kundgebung vor der Wiesenhofschlachterei. Ich bin schon lange nicht mehr in Holte gewesen. Ich hatte vergessen, wie idylisch das dort ist - Felder, Wiesen, ein größeres Wäldchen und mittendrin dieser Monsterschlachtbetrieb
von der Polizei gesperrte Zufahrtsstraße zur Wiesenhofanlage

Teilansicht der Wiesenhofanlage - Haupteingang


Die Kundgebung hat nicht lange gedauert, aber das war okay so. Wieder riesiges Polizeiaufgebot, abgesperrte Zufahrtsstraßen und ein relativ großer Auflauf an Anwohnern. Wir Demonstranten friedlich davor, mit Transparenten und Megafon - und es bleibt die Frage "Wovor haben die Leute Angst?" Die meisten Anwohner haben einen deutlichen Sicherheitsabstand zu uns gehalten, wieder mehr Polizei als Demonstranten vor Ort...wir setzten uns für den Respekt vor Lebewesen ein und werden dafür behandelt, wie Schwerverbrecher. Irgendwas läuft ziemlich falsch in unserer Welt und es tut mir leid, dass ich das erst nach 27 Jahren begriffen habe. Aber ich habe jetzt endlich verstanden, dass ich aufstehen muss, dass sich nichts verändert, wenn sich keiner wehrt und laut ausspricht "Das ist Unrecht!!"

17:30 - Aufbruch nach Balge in´s Aktionscamp. Damit ging der Tag für mich zu Ende, tolle Gespräche, tolle Atmosphäre, klasse Menschen. Keine Disskusion oder Erklärung, einfach nur Akzeptanz und Annahme - wir sind gleich, wir haben die gleichen Ziele und wir können die Welt verbessern. Wie gerne wäre ich da geblieben...

Aber ich musste nach Hause und damit zurück in meine momentane bittere Realität. Kurze Erklärung und damit krasser Themenwechsel:

Liebe Blogleser,
ich werde mich für eine gewisse Zeit vom Schreiben dieses Blogs verabschieden. Meine Frau und ich werden eine (hoffentlich nur) gewisse Zeit getrennte Wege gehen Ich hoffe, wir werden unsere noch frische Ehe irgendwie retten können, aber momentan ist ein Zusammenleben nicht leistbar für mich. Folglich werde ich mich demnächst vom Dorfleben verabschieden und mir eine Wohnung suchen müssen. Ich denke mal, ihr kennt das Problem bei Umzügen, dass es etwas dauern kann, bis man wieder Zugang zum Internet hat (zudem brauche ich dann erstmal einen neuen Laptop). Wenn ich wieder online und in der emotionalen Verfassung bin, melde ich mich von irgendwo her zurück :)
Bis dahin wünsche ich euch alles Gute, haltet die Ohren steif!!!
Liebe Grüße und bis bald
Müsli

PS: Es gibt wohl kein schlimmeres Gefühl, als Liebeskummer...In den 27 Jahren, die ich nun auf diesem Planeten wandel, habe ich viele Sachen erlebt, aber nie etwas, was mir dermaßen das Herz zerreißt.
Ich finde dafür keine Worte, nur ein Lied

Kein Lied von Liebe - Rosenstolz (Link für Youtubevideo)
Mir geht es gut
Kein Grund zur Sorge
Seh zwar fertig aus
Ich lebe noch
Zu viel von allem
vor allem von dir
Doch ich steh hier
Nur die Nacht machts mir schwer
Ich halt mich gut
Solangs nicht still wird
So lang das Licht noch brennt
Schau ich nach vorn
Ich trink auf dich
Und das was war
Ich bin noch da
Nur die Nacht machts mir schwer
Es ist für mich, nur für mich
Kein Lied von Liebe
Das ist für mich, nur für mich
Kein Lied von uns
Ich streich die Wände neu
Denn ich brauch Farbe
Ich zieh durch jede Bar
Das tut mir gut
Ich hab Talent
Zum traurig sein
Kam von allein
Nur die Nacht machts mir schwer



Kommentare:

  1. Danke für den persönlichen Bericht hier! Hut ab auch, dass du da mitmachst, wo doch fast alle in deinem Umfeld von dem Unrecht da leben, irgendwie leben müssen. Ich kann diesen Konflikt verstehen.

    Verrückt, man tritt für etwas gutes ein und andere haben Angst vor einem und sehen in dem großen Polizeiaufgebot noch was positives. Kranke Welt .... in der auch ein Edgar Snowden ein Verbrecher ist und vom einem Friedensnobelpreisträger Obama gejagt wird :(

    Ich drücke dir die Daumen, dass du privat wieder alles hinbekommst und ich bald wieder was von dir lesen kann!

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Müsli,

    ich wünsche dir alles erdenklich Gute für die Zukunft! Hoffentlich findest du wieder zum Bloggen zurück, denn dein Blog ist in der kurzen Zeit zu einem meiner Lieblingsblog geworden.

    Alles Liebe
    Federchen

    AntwortenLöschen
  3. Danke für Deinen hochinteressanten Bericht, Du Liebe! Das System und seine Ideen gilt um jeden Preis es zu erhalten, wie man (auch) hier sehr schön sieht, es ist eine Gratwanderung.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen viel Kraft für Deine nächsten Schritte...:-)

    alles Liebe & Beste!

    "Ich weiss, dass die meisten Menschen, selbst die intelligentesten, Mühe haben, die Wahrheit - selbst die einfachste und klarste Wahrheit zu erkennen, wenn diese Wahrheit sie zwingt, Ideen für falsch zu halten, [...] auf die sie ihr Leben gegründet haben."
    Lew Nikolajewitsch Tolstoi

    AntwortenLöschen
  4. Mach's gut! Ich hoffe, das mit der Ehe wird wieder - ihr seid doch erst frisch verheiratet. Ich denke, Abstand, ein Tapetenwechsel udn Zeit zum Nachdenken und Reflektieren können schon viel bewirken.
    Mach's gut und bis bald hoffentlich.

    AntwortenLöschen
  5. Hallo Du Liebe,

    wollte Dir nur einen kleinen Gruß hierlassen... Ich habe Deinen Blog immer sehr gern gelesen, Du schreibst unheimlich toll!

    Ich habe in letzter Zeit oft an Dich gedacht und Dir und Deiner Frau im Stillen alles Gute gewünscht. Ich hoffe wirklich, ihr kriegt das wieder hin!!!

    Und noch mehr hoffe ich, ganz bald wieder von Dir zu lesen...

    Ganz liebe Grüße
    Ina

    AntwortenLöschen