Montag, 24. Juni 2013

Festumzug mit tiefgreifenden Disskusionen

Vorweg eine kurze Info: Dies ist die Beschreibung eines Ereingisses, wie ich es wahrgenommen habe. Sollten sich einzelne oder mehrere Personen hierdurch angegriffen fühlen, lest bitte hier weiter

Ich habe gestern eine für mich neue Dorftradition kennen gelernt - FESTUMZUG
Unsere Nachbarortschaft hat 100jähriges Jubiläum. Anlässlich dieses Bestehen wurde das ganze Wochenende gefeiert, Samstag mit buntem Nachmittag und abendlicher Disco (da wa ich nicht) und Sonntag mit großem Festumzug. Insgesamt 83 Vereine oder Zusammenkünfte aus dem umliegenden Ortschaften hatten im Vorfeld ihre Wagen geschmückt, die schön geortnet in einer Reihe durch die Ortschaft fuhren und den Schaulustigen am Straßenrand Bonbons, Schnaps und andere Kleinigkeiten zuwarfen. Dabei gab es traditionelle, aber auch sehr ausgefallene Wagen zu begutachten

Mittelalterfeeling aus Westerburg
der Kaffeekräntzchenclub
Landleben ist sauCool
Der beste Wagen kam aus unserer Ortschaft - mit drehbarem Discoturm

Eine irre Veranstaltung - man stelle sich vor, dass in dieser Ortschaft knapp 180 Personen leben, die gemeinschaftlich eine Feier organisieren, die für 8000 Leute ausgelegt ist.
Und die Feier war großartig; das Wetter ließ uns zeitweise im Stich, die Kleidung wurde durchtränkt, aber die damit verbundene Kälte, die durch den Körper wanderte, wurde dann ebenso ertränkt :)
Den Abend über durfte ich dann noch zwei sehr interessante Gespräche führen, beide endeten mit den Worten "Aber erwähne meinen Namen nirgendwo". Das erste Gespräch war mit einem Jäger, der mir von der Jagd und seinen Einstellungen dazu erzählte. 20 Minuten ging es um Arten- und Seuchenschutz, Erhalt von Flora und Fauna, Treibjagd etc. Sichtlich unangenehm wurde ihm das Ganze, als ich zu Reden begann; wenn ich erstmal zu Reden anfange, dann aber auch richtig, besonders unter Alkoholeinfluss. Ich regte mich fürchterlich über die Beeinflussung der Umwelt durch die Jäger auf, über Winterfütterung und somit künstlich erhaltenden Wildbeständen und den damit notwenig werdenden Treibjagden, usw. (sämtliche Mitglieder meiner Vatersfamilie sind Jäger, ich weiß, wovon ich spreche) Auf jeden Fall endete das Gespräch mit einem Bier und der Feststellung, dass ich Recht habe :) Der liebe Jägersmann fand es bemerkenswert, wie ich lebe und fand das auch sehr ansprechend, jedoch stellte er auch fest, dass er sich selber als alteingesessener Landwirt und Jäger doch ziemlich lächerlich machen würde, wenn er dieses "Vegan-Sein" ausprobieren würde. Eigentlich schade, dass der eigene Ruf von einer richtigen Entscheidung abhängt...aber ich kann diese Aussage verstehen. Der gesellschaftliche Druck auf einem Dorf ist immens und es wird sozial schwer geahndet, wenn man sich außerhalb der Norm bewegt.
Das zweite Gespräch führte ich mit einer Angestellten der großen Putenschlachterei bei uns. Auf die Frage, wie es für sie sei, dort zu arbeiten, erzählte sie offen und ehrlich über den Arbeitsalltag in so einer Schlachtanlage. Sie selber esse kein Putenfleisch mehr, weil ihr davon schlecht würde. Dabei wäre ihr schon bewusst, dass in anderen Schlachtanlagen mit anderen Tieren ähnliche Verhältnisse bestünden, das könne sie jedoch besser wegignorieren. Sie meint, durch diese Massenabfertigung von Lebenwesen, verliert man den Bezug zu dem, was man macht. Am Anfang hat sie viel über den Arbeitsalltag nachgedacht, mittlerweile mache es für sie keinen Unterschied, ob da Lebewesen oder Maschinen hingen - ich finde das erschreckend, aber vermutlich muss ein Mensch, der mit dieser Arbeit seinen Lebensunterhalt verdient, dermaßen abstumpfen, um das tägliche Massenmorden aushalten zu können...
Ich habe, nachdem ich heute früh völlig verkatert erwacht bin und mich rehabilitiert hatte, viel über beide Gespräche nachgedacht. Zwei Menschen, die auf unterschiedliche Art und Weise, mit dem Sterben der Tiere zu tun haben - eine beruflich, einer freiwillig - und beide erkennen auf gewisse Art und Weise, dass das, was sie machen, falsch ist. Letztlich sind jedoch beide, und damit stehen sie symbolisch für den Großteil der Bevölkerung, aufgrund von Ansehen, Lebensweise, Normen, Tradition nicht bereit, etwas zu ändern und sich gegen die Ausbeutung von Tieren auszusprechen. Das ist unsere Realität und das macht mich unbeschreiblich wütend. Ich lebe auch in diesem System Dorf, meine Ursprungsfamilie, meine Nachbarn, ein Teil meiner Freunde verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft. Die Entwicklung geht dahin, dass wir aus alten Bauern Agrarfabrikanten machen, aus Landwirtschaft Landausbeutung und aus Nutztierhaltung Massenqualhaltung. Lebensmittel werden Produkte, die ehrwürdige Produktion von Milch und Eiern wird zu einem maschinellen Ablauf, die Herstellung von Fleisch zu einem Industriezweig. Ist das der Weg, den wir gehen wollen? Wollen wir den Bezug zu dem, was uns nährt, verlieren? Wollen wir vergessen, dass jedes Stück Fleisch geboren wurde und gelebt hat? Dass jedes Glas Milch, das wir trinken, eigentlich zur Ernährung eines Kalbes gedient hat? Ist es richtig, dass eine Gesellschaft ihre Augen verschließt, nur weil es so gut schmeckt und so schön einfach ist und keiner sich wehrt?
Ich kann diesen Werdegang nicht aufhalten, aber ich kann ihn boykottieren. Das ändert konkret vielleicht nicht viel, aber durch Gespräche, Vorleben, Disskusionen ruft man dieses Thema in´s Bewusstsein seiner Mitmenschen. Ich kenne so viele Menschen, die zumindest jetzt sagen "Ich kauf nur noch Bio-Fleisch" - natürlich lässt sich über das Thema Bio-Fleisch streiten, aber es ist ein Anfang, ein erster Schritt zum Bewusstmachen und Verstehen, dass wir so, wie wir leben, auf Kosten unserer Mitmenschen und Mitgeschöpfe, nicht ewig weiterleben können.

Soviel tiefsinnige Gedanken, nach so viel Alkohol - und dann sagt nochmal einer, Bier töte Gehirnzellen ;)

Kommentare:

  1. Klingt nach einem guten Fest :)
    Sehr interessant finde ich allerdings die Gespräche, die du geführt hast - vor allem das mit dem Jäger. Deine Gedanken dazu kann ich absolut nachvollziehen. Es ist schon erschreckend, wie viel Einfluss die Gesellschaft auf die Entscheidung des Einzelnen hat.

    Liebe Grüße Federchen

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  2. Deine Wut verstehe ich sehr gut. Ausser vorlabern, vorleben und - wie Du bereits sagtes Boykott - kann man leider nix machen aber ich möchte gerne glauben, dass das alles Sand im Unrechtbewusstseinsgetriebe ist....Darauf noch ein kühles Blondes!

    Lieber Gruss

    Michaela

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