Sonntag, 12. Mai 2013

Mittelaltermarkt mit neuem Bewusstsein

Gestern war ich auf dem mittelalterlichen Spectaculum in Rastede, dem größten Mittelaltermarkt in der Gegend. Ich liebe Mittelaltermärkte, ich liebe die Stimmung, die Verkleidungen, die Atmosphäre, das Essen&Trinken, die Musik, einfach alles. Ich war schon bestimmt zwei Jahre nicht mehr dort, da ich meist an den Wochenenden, an denen das stattfindet, arbeiten musste. Gestern hatte ich zum Glück frei, dass Wetter war  einigermaßen gut, also auf nach Rastede.
Und da habe ich folgende Erfahrung gemacht:
Als überzeugte Veganerin, die unter extremen Kopfkinoauswüchsen leidet, ist ein Mittelaltermarkt nicht schön - eher grausam.
Die Musik ist immer noch toll, ebenso die Stimmung und die Verkleidungen. Man kann durch die Gegend wandern und befindet sich in einer anderen Welt


Feuerspuckender Drache

Verkaufsstand

Seile knüpfen


Musikbühne
 Wie bereits gesagt, ich liebe es.  Nirgendwo sonst begegen einem Rattenfänger, Gaukler, Bader, Ritter, Prinzessinnen, Könige, Bettler; es ist einfach phantastisch.
Ich ging gestern durch diese "andere Welt" und mein Blick streifte über Verkaufsstände, Fressbuden, Personen in Gewandung und musste feststellen, dass sich mein Blick in den letzten Monaten stark verändert hat. Der Klassiker unter den Verkleidungen, war der des Barbaren (leider kein Foto). Sie sehen beeindruckend aus, groß, stark, mit Axt oder Hammer in der Hand - und mit original Fellumhang, Lederkleidung und Trinkhorn (aus echtem Horn natürlich). Und da wurde mir doch etwas schlecht. An den Ständen wurde heiß disskutiert, ob die ware aus echtem Leder, echtem Horn, echtem Fell etc. bestünde. An den Fressbuden wurde geottenes Fleisch, geräucherter und gebratener Fisch etc. feilgeboten. Die Stimmen der Marktschreier hallten über das Gelände und priesen Spanferkelbraten über offenem Feuer gebraten. Zusammen mit der Tatsache, dass ich mir zum ersten Mal keinen Met (Honigwein) gekauft habe, schwand meine Stimmung merklich.
Auch das angekündigte Rittertunier konnte mich nicht aufheitern: Ritter zu Pferd ritten gegeneinander mit Lanzen, schlugen sich, ritten durchs Feuer...die Pferde scheuten, wurden angetrieben unter den Zurufen von 300 Zuschauern...ich bezweifel, dass es den Tieren dabei gut ging.
Mal ehrlich, muss sowas heute noch sein? Klar, es geht um die Stimmung und das Entwerfen eines möglichst realitätsnahem Szenario. Aber es gibt doch auch einfach heutzutage andere Wege und Mittel, eine mittelalterliche Welt zu schaffen. Felle und Hörner können künstlich hergestellt werden, Rittertuniere funktionieren auch ohne Pferde. Von dem weitaus übermässigem Fleischangebot will ich garnicht erst reden, das ist nicht mal mehr Realität - als ob die Menschen im Mittelalter größtenteils Fleisch gegessen hätten.
Meine Frau wurde böse mit mir, meinte, ich würde das alles kaputt reden, sollte das doch mal ignorieren und aufhören, so streng moralisch zu sein...ich entgegnete, dass es aber doch trotzdem um wichtige Sachen ginge und ich das nicht éinfach wegignorieren könne, dass es mich anwiedere, die ganzen "Leichenteile" zu sehen...unser erster Ehestreit, wie wir im Nachhinein feststellten, erste Hürde im Eheleben geschafft. Aber mal eine Frage, hat sie Recht? Ich habe meine Prinzipien, auch wennsie für andere manchmal schwer nachvollziehbar sind. Muss ic das ausschalten, nur weil wir auf einer Festivität sind und ich die Stimmung damit ruinieren könnte?
Total geknickt und nach ein paar Stunden total ausgehungert, machte ich mich auf den Weg, was Essbares zu suchen und wurde doch tatsächlich fündig. Stockbrot und Falafel auf Nachfrage komplett vegan, das hob die Stimmung :)
Stockbrot
Falafel
Und ich wurde weiter fündig. Am Stockbrotstand war vor mir eine Frau, die vorsichtig fragte, ob das Brot vegan sei und erzählte, dass sie das noch nicht so lange wäre und das noch üben müsse, mit dem Nachfragen. Die griff ich mir gleich zu einem Gespräch, erklärte ihr meine Problematik und fragte sie, wie sie damit umgehe. Ihr erging das ähnlich wie mir aber sie hatte die vermutlich bessere Lösung als ich. Sie genoß den Markt dennoch, hielt sich überwiegend bei den Musikbühnen auf, ignorierte "Leichenverkleidungen" und erfreute sich eher an der Kreativität, die manche Leute mit ihrer Gewandung an den Tag legten.
Das fand ich sehr beeindruckend und bemühte mich, ihr dass gleich zu tun, also auf zur Musik :) und es ging einigermaßen. Ich konnte den Tag über doch noch Spaß haben und freute mich über die Erkenntnis, dass ich doch noch meine heißgeliebten Mittelaltermärkte genießen kann.
Ich finde, es ist manchmal eine große Herausforderung vegan zu leben. In seinen Gewohnheiten stößt man doch schnell an seine Grenzen, man entwickelt ein völlig neues Bewusstsein für manche Geschehnisse um einen herum, was total gut ist, aber halt manchmal auch nicht leicht. Die Kunst ist es vermutlich, dabei nicht die Freude zu verlieren und an unserer manchmal abartigen Art und Weise zu verzweifeln. Ich übe das noch :)
Anmerkung am Rande: SALTATIO MORTIS ROCKT!!!


Kommentare:

  1. Hi,
    ich war vor meiner veganen Zeit super gern auf Mittelalter Märkten, hier bei uns gibt es tolle Burgen. Seit ich vegan lebe, geht es mir wie dir. Und meinem Mann wie deiner Frau. Drüberwegsehen? Machen doch schon genug Leute.
    Dir und euch noch Glückwünsche zur Hochzeit. Grüße von Nina

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  2. Oooh ich bin ganz neidisch! :) Vor einigen Jahren war ich zwei Mal beim Spectaculum in Bückeburg, das war auch immer soooo toll! :)
    Es ist außerdem total interessant deine Erlebnisse vom Wochenende zu lesen, denn mir ging es echt malwieder genauso und dabei war mein "Anspruch" sogar nur vegetarisch. Ich war bei einer Geburtstagsfeier mit Boßeln und Grillen in einem kleinen Dorf und es ist echt soo krass, was dort für Ansichten vertreten werden und wie erschreckt und verwirrt die Leute sind, wenn man kein Fleisch isst. Ich kann das überhaupt nicht verstehen und für mich ist das auch immer diese "Leichenteil-Ansicht".
    Hoffentlich wird es irgendwann besser!! Mittlerweile gibt es ja immerhin schon viel mehr vegetarische und vegane Angebote. Auf jeden Fall mach dir keine Sorgen, es gibt (bestimmt) viele Veggies, denen es so wie dir geht :) Einfach trotzdem probieren zu genießen! :)

    Liebe Grüße

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  3. Ich kann dich sher gut verstehen, mich macht es auch traurig, Teilen von toten Tieren zu sehen und, wie die meisten Leute völlig gedankenlos damit umgehen. Besonders schockiert wäre ich wohl gewesen, wenn vor meinen AUgen auch noch Tiere gequält würden und alle jubelten.
    Das passiert aber natürlich nicht nur auf Mittelaltermärkten sondern überall.
    Ich bin der Auffassung, dass es das Beste ist, zwar sich dessen bewusst zu sein udn seine Meinung zu sagen, aber sich auch abzugrenzen. Schließlich hilft man den Tieren auch nicht damit, wenn man traurig ist udn daran verzweifelt. Ich finde, dass die Veganerin, die du getroffen hast, das richtig macht ;)

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  4. Ich bin unheimlich froh, eure Kommentare zu lesen. War wirklich ein bisschen am hardern, ob ich mich vielleicht übertrieben anstelle...aber jetzt bin ich doch wieder etwas mehr bei dem Gedanken "nur weil alle anderen so gedankenlos sind, muss ich das lange noch nicht gutheißen" Danke

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  5. Ich finde deinen Gedanken sinnvoll und denke auch so, aber ich gucke halt, dass ich mich nicht so runterziehen lasse.

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