Mittwoch, 17. April 2013

Der Regenwurmkonflikt

Vorweg eine kurze Info: Dies ist die Beschreibung eines Ereingisses, wie ich es wahrgenommen habe. Sollten sich einzelne oder mehrere Personen hierdurch angegriffen fühlen, lest bitte hier weiter

Komme gerade von einem Lehrergespräch. Ausgangspunkt ist der Regenwurmkonflikt:
In der Klasse unserer Tochter sollten alle Schüler einen Regenwurm in einem Glas mitbringen. Diese sollen dann beobachtet, ausgemessen etc. werden. Das ich solche Experimente nicht unterstütze, erklärt sich von selbst. Unsere Tochter tut dies, sehr zu meiner Freude, auch nicht. Sie ist der Ansicht, dass es den Würmern in der freien Natur immer noch am besten geht und hat sich daher geweigert, einen mitzunehmen. Und damit begann der Regenwurmkonflikt. Die Lehrerin war wohl auf so viel Widerstand nicht vorbereitet; es fing an mit der Aussage, unsere Tochter müsse dennoch einen Wurm mitbringen, da dies zum Unterrichtstoff dazu gehören würde, woraufhin unsere Kleene ziemlich aufgelöst nach Hause kam. Anscheinend hat die Lehrkraft selber jedoch ziemlich schnell begriffen, dass das der falsche Weg ist, also kam der Kompromiss, dass unsere Tochter sich das ja auch eigenständig zuhause erarbeiten könnte (sehr kreativ). Das fand unsere Kleene natürlich blöd, warum müsse sie denn mehr Arbeit als alle anderen machen? Die anderen Schüler haben mittlerweile alle brav einen Regenwurm mitgebracht (18mal Regenwurm im Glas) und unsere Tochter verzweifelt an dem Umstand "die sind viel zu laut, dass ist nicht gut für die Würmer". Nachdem vor ein paar Tagen deswegen heftigst die Tränen floßen, sind wir heute zum Lehrergespräch. So etwas bedarf natürlich der Vorbereitung: Was ist uns wichtig? - Dass unsere Tochter ernst genommen wird, dass sie nicht auch noch bestraft wird dafür, dass sie eine wertschätzende Einstellung gegenüber Tieren zeigt. Warum ist uns das wichtig? - Sie soll nicht damit groß werden, dass ihre Meinung nicht zählt, dass Lehrer die Stärksten sind, obwohl sie offensichtlich falsch liegen. Was wollen wir noch erreichen? - Aufklärung: Kann es richtig sein, dass bereits in der Grundschule vermittelt wird, dass Tiere zum rumexperimentieren da sind? Ich habe jetzt kein besonderes Herz für Regenwürmer, aber letztenendes sind das doch auch Lebewesen. Dass man in seiner Funktion als Lehrkraft da nicht unbedingt drüber nachdenkt, wenn man sich nicht selber mit der Thematik Tierrechte beschäftigt, kann ich ja noch verstehen. Aber wenn sich eine 9jährige hinstellt und diese Experimente verweigert, sollte einen das nicht zum Nachdenken bewegen?
Das Gespräch lief in gekürzter Fassung wie folgt
Abkürzung Mama (M)
                   Ich (I)
                   Lehrerin (L)
M: "Wir haben da ein Problem, es geht um den Regenwurm. (es folgt nochmal Situationsschilderung, welche Probleme unsere Tochter damit hat) Unsere Tochter ist ja eher zurückhaltend und daher sind wir besonders stolz darauf, dass sie sich für diese Thematik einsetzt und wir würden uns wünschen, dass sie das auch unterstützen."
L: " Das tue ich ja schon, sie braucht ja keinen eigenen Regenwurm haben, sondern kann bei den anderen Kindern beobachten"
I: "Das macht für unsere Tochter keinen wirklichen Unterschied, sie findet es nicht richtig, dass die Würmer in Gläser gesperrt werden. Ob sie das jetzt selber tut, oder einen Nutzen daraus zieht, dass andere Kinder das machen ist dabei doch irrelevant"
L: "Aber das ist ja nunmal zurzeit die Unterrichtsthematik" (ich fange an innerlich zu kochen)
M: "Wie können wir denn unsere Tochter unterstützen? Letztlich leben wir ihr Wertschätzung gegenüber anderen Lebewesen vor und wir unterstützen auch, dass sie sich gegen diese Regenwurmgeschichte sträubt."
I: "Sie hat ja auch einfach Recht mit ihrem Verhalten"
L: "Ja, das finde ich auch, ich werde das auf jeden Fall unterstützen. Wenn das für sie in Ordnung ist, gebe ich ihrer Tochter die Möglichkeit, dass der Klasse zu erklären, warum sie keinen Regenwurm in ein Glas sperren möchte. Letztlich hat sie ja wirklich Recht damit, dass sie das nicht unterstützt und das ist ein bemerkenswertes Verhalten"
 - Damit war das Thema dann beendet. Im Großen und Ganzen erfolgreich, aber jetzt mal ehrlich, wir wurden eingelullt. Ich hätte noch tausend Sachen sagen können, aber sie hat so das Verhalten unserer Tochter gelobt (was einen natürlich mächtig stolz macht), dass ich den Umstand überhört habe, dass die Lehrerin das alles richtig und toll und super findet und natürlich auch Unterstützung anbietet, aber dennoch weiterhin diese Würmer in der Klasse hält. Ist das nicht etwas scheinheilig? Wie kann man die Richtigkeit von Tierwertschätzung anerkennen und daraus keine Konsequenzen im Alltag ziehen? Wie soll ich Kinder unterstützen, wenn ich nicht versuche, mich in die Problematik einzudenken und zu handeln. Das Gleiche wäre, wenn ich als bekennender Kettenraucher versuchen würde, andere vom Rauchen abzuhalten. Natürlich schwatze ich meinen Mitmenschen keine Zigaretten auf (ist ja ungesund), ich kommentiere das einfach nicht.
Wenn die Lehrerin unsere Argumente abgetan hätte, nach dem Motto "Das ist doch nur ein Regenwurm, ihre Tochter soll sich nicht so anstellen", was ich zuerst erwartet hätte, hätten wir zwar einen riesen streit bekommen, aber man hätte den Konflikt auf die zu großen Unterschiede in den persönlichen Grundeinstellungen zurückführen können.
Aber wenn sich eine Lehrkraft davon überzeugen lässt, dass ein Kind, was Wertschätzung einem Regenwurm entgegen bringt, richtig handelt, warum ändert sie dann nichts?
Könnt ihr meinem Gedankengang noch folgen?
Auf jeden Fall werden wir jetzt in die Aufklärungsarbeit gehen, wir nehmen das Angebot wahr, dass unsere Tochter im Klassenverbund etwas über Tierschutz erzählen kann und werden das mit ihr zuhause vorbereiten. Wer weiß, vielleicht ist das einer dieser vielen kleinen Schritte, die das Gesicht der Welt verändern können.

Mal abgesehen davon, dass hier auch das Glasexperiment beworben wird, ist hier eine schöne Löwenzahnfolge zum Thema "Regenwürmer"

Kommentare:

  1. Solche Lehrer gibt es leider noch sehr oft. Aber eigentlich macht man sowas nicht mehr. Ich unterrichte zwar an einer weiterführenden Schule, aber selbst da weigere ich mich, sowas zu machen. Ich gehe mit meinen Schülern auch nicht in den Zoo. Leider gibt es noch einige Dinosaurier in dem Job. Aber ihr habt toll reagiert!

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    1. Dann würde ich mir mehr Lehrer wie dich wünschen. Die Sachkundelehrerin ist gerade mal 32 Jahre alt, hätte von der mehr Weitsicht erwartet...

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  2. Autsch, da würde ich auch mehr erwarten... Hängt vielleicht auch von der Lehrerausbildung ab, die ist bei uns ja anders. Ich werde mich mal informieren, das interessiert mich.

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    1. Ach du Schande, das ist wohl wirklich normal an Schulen. Ist mir bisher aber noch nie begegnet...

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